Unser Arbeitsmarkt wird sich fundamental verändern – am Fließband genauso wie im Vorstandsbüro. Allein 40 Millionen Menschen werden in Deutschland künftig in ihrem Beruf auf digitale Kompetenzen angewiesen sein. Der gewachsene Wunsch nach Selbstbestimmung führt zu größerer Vielfalt. Auch abseits der Digitalisierung werden Menschen sich beruflich neu erfinden, zum Beispiel, weil sie ihrem Leben eine andere Richtung geben möchten. Ausgehen wird uns die Arbeit mit Sicherheit nicht.

Lernen in jedem Lebensalter wird damit zur Schlüsselaufgabe unserer Zeit. Der Nachholbedarf ist immens: Während in den USA bereits vor Jahren hunderttausende Menschen digitale Hochschulseminare, sogenannte Massive Open Online Courses, kostenlos besuchten, herrscht in Deutschland Weiterbildungsnotstand. Wir hängen Jahre hinterher. Von einer Öffnung der Hochschulen für die Weiterbildung über neue Lernangebote bis zu einer Vergleichbarkeit der gesammelten Qualifikationen fehlt es uns an vielem. Der traditionelle Bildungsweg von Schule, über Ausbildung oder Studium hin zu einer beruflichen Tätigkeit ist passé.

Schon heute arbeitet bereits jeder Zweite unter 25 Jahren nicht in seinem erlernten Beruf. Wir wissen heute noch nicht, in welchen Berufen wir in 20 Jahren arbeiten werden. Wir müssen den Menschen aber die Chance eröffnen, beruflich immer wieder neue Kapitel aufzuschlagen. Dies ergibt sich schon aus dem verfassungsrechtlichen Gebot der Sozialstaatlichkeit. Mir schwebt ein moderner Sozialstaat vor, der zum Aufstieg hinführt, statt nur zu reparieren. Unser Ziel muss sein, den Einzelnen zu befähigen, sein Leben unabhängig zu führen und in Freiheit selbst gestalten zu können. Das lebenslange Lernen in Deutschland muss von Grund auf neu organisiert werden. Der bestehende Weiterbildungsmarkt mit 30 Milliarden Euro bildet dafür einen guten Ausgangspunkt. Bislang aber sind die Qualifikationsbausteine nicht vergleichbar. Wir blicken auf einen Weiterbildungsdschungel mit 4,5 Millionen Angeboten. Kein Wunder, dass viele den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen.

Erstens brauchen wir ein transparentes System zur besseren Vergleichbarkeit auch nebenberuflich erreichter Qualifikationen. Statt mit einem Rentenkonzept von vorgestern sollte die Bundesregierung hier mit Ideen und Initiativen für morgen glänzen. Studiengänge an Universitäten zertifiziert der Wissenschaftsrat bereits seit vielen Jahren. Bei der Weiterbildung aber fehlt es an solchen Qualitätsmaßstäben. Das ist ein Bildungshemmnis: Wer soll in Bildung investieren, wenn er nicht weiß, wie sich das noch auszahlen wird? Analog zum Wissenschaftsrat sollte die Bundesbildungsministerin in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsminister einen Rat für lebenslanges Lernen initiieren. Vertreter von Verbänden, Gewerkschaften und Bildungsorganisationen sollten dort zusammen auf unbürokratischem Wege Qualitätskriterien analog zu den Hochschulen entwickeln. Die Bildungsstätten sollten bessere Anreize bekommen, sich zu öffnen. Nur dann können Menschen im Laufe ihres Lebens immer wieder dorthin zurückkehren. Warum nicht Fach-, Berufs- und Hochschulen über den Sommer hinweg zu Marktplätzen des Wissens machen? In den USA ist es gang und gäbe, dass Berufstätige in „Summer schools“ ihren Horizont erweitern.

Zweitens brauchen wir finanzielle und zeitliche Anreize für Arbeitnehmer, sich mit neuem Wissen aufzutanken. Für jeden volljährigen Bürger sollte ein digitales Freiraumkonto eingerichtet werden. Das ermöglicht allen Menschen die Finanzierung von Weiterbildung und damit verbundener Bildungszeit. Wer will, zahlt eigenes Einkommen aus dem Bruttogehalt – aber auch ungenutzte Urlaubstage und Überstunden – auf das Freiraumkonto ein. Durch die Entgeltumwandlung wird das Sparen steuerlich gefördert. Das angesparte Geld kann für Kursgebühren, Verdienstausfall bei Fortbildungen oder ein Sabbatical eingesetzt werden. Zudem steht jedem Bürger einkommensabhängig ein Midlife-Bafög zur Verfügung. Menschen mit kleinem oder mittlerem Einkommen bekommen automatisch die benötigte Unterstützung.

Drittens verschafft eine digitale Bildungsarena einen direkten Zugang zu Bildungs- und Beratungsangeboten von E-Learning-Modulen bis zu einem Hochschul-Studium. Für ein paar zehntausend Euro zum Beispiel könnte eine Hochschule einen digitalen Kurs zur Künstlichen Intelligenz entwickeln. Der Kurs könnte 83 Millionen Menschen in Deutschland kostenlos zur Verfügung stehen. Staatliche wie private Anbieter bieten ihre zertifizierten Lernangebote an. Eine digitale Bildungsarena schafft mehr Transparenz und vereinfacht den Zugang zum lebenslangen Lernen für alle Menschen. Einige Berufe verschwinden mit der Zeit ganz, andere wandeln sich oder entstehen neu: Zukünftig muss eine Pflegekraft auch IT-Spezialist sein – oder ein IT-Fachmann entschließt sich dazu, einen sozialen Beruf zu ergreifen. Ideen wie ein Grundeinkommen sind keine humane Antwort auf die vor uns liegenden Veränderungen. Der Staat muss jenen, die über Fleiß und guten Willen verfügen, immer wieder einen neuen Einstieg ermöglichen. Wir wollen allen Bürgern die Chance geben, mit Veränderungen Schritt zu halten. Das lebenslange Lernen muss endlich Schule machen.