Mehr Mut bei der Zuwanderung

In einem Gastbeitrag für die Financial Times Deutschland habe ich mich für mehr Mut bei der Zuwanderung ausgesprochen: Deutschland braucht dringend Fachkräfte, ist für qualifizierte Ausländer aber nicht attraktiv genug. Die Wende bringt nur eine gesteuerte Politik.
Der 1. Mai 2011 war ein wichtiges Datum: Seither dürfen EU-Bürger aus Mittel- und Osteuropa ohne Beschränkungen in Deutschland arbeiten. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte Botschaft lautet: Der Schritt kam zu spät. Viele qualifizierte Arbeitskräfte sind längst in andere Staaten abgewandert. Etwa nach Großbritannien, das seine Grenzen für Polen, Tschechen, Ungarn, Slowaken, Slowenen und Balten unmittelbar mit deren EU-Beitritt 2004 geöffnet hat.
Mittlerweile leben und arbeiten junge, flexible und gut ausgebildete Menschen aus Osteuropa praktisch überall - nur nicht in Deutschland. Dabei brauchen wir gerade hierzulande dringend Fachkräfte. In vielen Wachstumsbranchen fehlen Tausende Ingenieure und IT-Experten, und auch in Pflegeberufen wird gesucht. Das Angebot auf dem Arbeitsmarkt und die Nachfrage der Wirtschaft entwickeln sich weiter auseinander. Unsere Volkswirtschaft kostet der Mangel an Fachkräften rund 25 Mrd. Euro im Jahr.
Aufgrund der demografischen Entwicklung ist eine Verschärfung der Lage zu befürchten. Der Anteil der 15- bis 30-Jährigen an der Bevölkerung ist in den vergangenen Jahren von über 30 auf knapp 20 Prozent geschmolzen. Parallel dazu wächst der Anteil der über 50-jährigen Erwerbspersonen kontinuierlich an - 2015 wird er rund 35 Prozent betragen. Während heute auf einen Rentner drei Arbeitnehmer kommen, werden es in wenigen Jahren noch anderthalb sein. Der OECD-Schnitt liegt bei 4,2 Arbeitnehmern.
Man muss kein Prophet sein, um vorherzusehen, dass dieser Trend Auswirkungen auf unser Sozialsystem und auf die Situation am Arbeitsmarkt haben wird. Um den drohenden Verschiebungen zu begegnen, müsste künftig jede Frau in Deutschland vier oder mehr Kinder zur Welt bringen, sagen Bevölkerungswissenschaftler.
Wollen wir unseren Wohlstand sichern, müssen Wirtschaft und Staat effizienter und produktiver werden: Weniger Erwerbstätige müssen pro Kopf mehr erwirtschaften. Dafür muss das durchschnittliche Qualifikationsniveau gehoben werden - durch bessere Erstausbildung und lebenslange weitere Qualifikation. Aber all das wird letztlich nicht reichen: Aus Langzeitarbeitslosen werden keine Spitzeningenieure und IT-Fachleute. Deutschland braucht deshalb eine aktive, gesteuerte Zuwanderungspolitik.
Leider ist Deutschland für qualifizierte Ausländer bislang wenig attraktiv. Diese bevorzugen Länder wie Australien, Kanada, Großbritannien oder die USA. Dort spricht man Englisch, zahlt weniger Steuern und Abgaben, erlebt kulturelle Toleranz und Anerkennung für materiell erfolgreiche Leistungsträger. Unsere Sprache, hohe Steuern für Qualifizierte, Ressentiments und die vielen Neidhammel sind nicht eben Standortvorteile.
Deshalb sollten zumindest nicht auch noch die formalen Hürden zu hoch für Zuwanderer aus Staaten außerhalb der EU bleiben. Voraussetzung für die unbefristete Arbeitsgenehmigung in Deutschland ist eine konkrete Arbeitsstelle mit einem Jahreseinkommen von mindestens 66000 Euro. Selbst bei einheimischen Hochschulabsolventen im naturwissenschaftlich-technischen Bereich liegt das Einstiegsgehalt allerdings oft unter 40000 Euro. Diese Einkommensschwelle muss also korrigiert werden. Eine Richtschnur könnte dabei das Anderthalbfache des durchschnittlichen Bruttojahreseinkommens in Deutschland sein.
Weitere Vereinfachungen der Verwaltungsregeln sind möglich. So ist etwa die Genehmigungspflicht, die Arbeitgeber bei der Bundesagentur für Arbeit einholen müssen - wollen sie eine Fachkraft aus einem Nicht-EU-Land bei sich beschäftigen -, ein bürokratisches Hindernis. Gerade mittelständische Unternehmen können sich die damit verbundenen langen Wartezeiten bei der Besetzung wichtiger Stellen oftmals nicht leisten.
Hier wäre es eine wirksame Alternative, den Antrag automatisch als bewilligt zu betrachten, sofern die Bundesagentur nicht binnen zwei Wochen anders entscheidet. Auch dürfte diese Regelung nicht auf bestimmte Branchen beschränkt werden, sondern müsste generell gelten.
Grundsätzlich braucht Deutschland einen Neuanfang mit Courage. Statt der ungesteuerten Migration der Vergangenheit, deren Zahl gebremst werden musste, benötigen wir zukünftig eine gesteuerte Zuwanderung, die erhöht werden sollte. Der Zuzug ist weder eine Bedrohung für unsere Gesellschaft, wie Konservative befürchten, noch gefährdet er unseren Arbeitsmarkt, wie Sozialdemokraten kritisieren. Stattdessen muss sich Deutschland noch mehr als bisher zu einem weltoffenen Land entwickeln, das qualifizierte Menschen aus der ganzen Welt einlädt.
Das fordert von uns drei Dinge: Erstens ist es Zeit für einen Bewusstseinswandel, von dem auch wir Einheimischen profitieren: mehr Weltoffenheit, Toleranz und Anerkennung für Leistung. Zweitens braucht es langfristig ein modernes Zuwanderungsrecht, das die besten Bewerber auch ohne konkretes Jobangebot nach einem Punktesystem auswählt. Die Punkte könnten zum Beispiel für Ausbildung, Berufserfahrung und Sprachkenntnisse vergeben werden. Drittens könnte eine Imagekampagne der Bundesregierung zusammen mit der Wirtschaft die positiven Standortfaktoren Deutschlands weltweit bekannt machen.
Eine pragmatische Zuwanderungspolitik hat sich auf der ganzen Welt bewährt. In Australien etwa hat sie dazu geführt, dass Fachkräftemangel dort ein Fremdwort ist. 75 Prozent der Zuwanderer verfügen über eine gehobene Bildung - das ist mehr als bei der einheimischen Bevölkerung. Wir sollten in Deutschland davon und aus unseren Fehlern der Vergangenheit lernen.